Werkstattbericht Weltenkreis - MVP

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Werkstattbericht Weltenkreis

MarburgCon
von Ulf Fildebrandt
Als Autor steht man immer vor dem Problem, wie man seine Geschichte erzählt. Jeder Schriftsteller hat unzählige Ideen im Kopf, die meistens weit über einen einzigen Roman hinausgehen, doch wenn man alle in einen Roman packt, wird es einfach zu viel. Es entstehen daher viele Anfänge, bei denen man sich entscheiden muss, welche man weiter verfolgt.
 
Viele Jahre habe ich verschiedene Ideen begonnen, darunter auch die Geschichte von Jad’her, die ich in MEISTER DER ERINNERUNG erzähle. Die Einflüsse sind relativ offensichtlich, Tolkiens Herr der Ringe. Ein junger Mann wird in einen Kampf zweier Mächte verwickelt, wobei der Gegenspieler schon seit vielen Jahrtausenden die Herrschaft über die Welt Isdra anstrebt. Die Geschichte nahm im Laufe der Jahre immer weiter Gestalt an, und ich suchte nach einem Verlag. In der Zwischenzeit habe ich die zweite Romanidee ausgearbeitet, am Ende unter dem Titel FINNURS SUCHE erschienen, und in dieser Geschichte sollte das Magiesystem eine größere Rolle spielen. Die Grundidee ist simpel. Ein Zauberer zieht die Energie für seine Magie aus Erinnerungen.
 
Während eines Interviews wurde ich gefragt, wie ich darauf gekommen bin. Das ist wiederum nicht so ganz einfach zu erklären. Es gibt nicht den einen Ursprung. Ich hab mir halt überlegt, was für eine Magie ich gerne in meiner Welt hätte. Wenn man Schreibratgebern zuhört, gibt es einen Ratschlag, was die Magie angeht. Sie soll niemals ohne einen Preis sein. Daher haben viele Fantasy-Welten so was wie Blut- oder Lebenskraftmagie. Ein Zauberer zahlt mit seinem Blut oder seiner Lebenskraft. Da habe ich dann einfach nachgedacht, was noch ein Preis sein könnte, den man bezahlen kann und habe mich gefragt, was uns Menschen ausmacht. Zu der Zeit habe ich den Film WOLKENATLAS gesehen und da gibt es den Vergleich, dass die Leben der Menschen in der Zeit wie Wolken am Himmel sind. Sie ziehen vorüber und werden durch neue abgelöst, kehren aber immer wieder.
Was auch in meinem Hinterkopf war, ist der Monolog von Rutger Hauer am Ende von Blade Runner (Erinnerungen sind wie Tränen, verloren im Regen). Daher hieß der zweite Roman im Arbeitstitel ZEICHEN IM SAND, denn Erinnerungen sind ja nichts anderes als Zeichen an einem Sandstrand, die aus der Vergangenheit bleiben. Manche sind für einen kurzen Zeitraum da, und nach einer Welle verschwinden sie, bei anderen Symbolen wie Felsen dauert es Lebensalter, bis das Wasser sie alle fortschwemmt. Diese ganzen Impulse haben mich dann zu dem Magiesystem gebracht.
Ein persönlicher Zugang ist wohl auch, dass ein Verwandter von mir am Ende seines Lebens Dinge vergessen hat. Da ist mir bewusst geworden, dass ich der Einzige wäre, der diese gemeinsamen Erinnerungen in der Familie noch im Gedächtnis hat. Mit mir wären sie verloren, egal wie schön sie auch waren. Wie Zeichen im Sand. Was jetzt welchen Anteil an der Idee hatte, kann ich nicht sagen. Es ist wohl die Kombination aller Einflüsse.
Jedenfalls habe ich dieses Magiesystem zum verbindenden Element der acht Welten im Weltenkreis gemacht. Zu der Zeit habe ich den ersten Roman MEISTER DER ERINNERUNG überarbeitet und dabei ist mir aufgefallen, dass ich phantastische Elemente in der Geschichte habe, die wunderbar mit Erinnerungsmagie zusammen funktionieren.
Es gibt einen Wald in der Geschichte, in dem Stimmen zu hören sind. Diese Stimmen sind die Erinnerungen Verstorbener. In einer Stadt taucht ein Geist auf, und was sind Geister anderes als die Erinnerungen Verstorbener? Im Weltenkreis hängt es immer davon ab, wieviel Energie in den Erinnerungen steckt, wie sie sich manifestieren. Denn ein Geist besitzt viel mehr Fragmente eines früheren Lebens als eine kaum wahrnehmbare Stimme in einem Wald.
Damit wuchsen die beiden Romane in einer Welt zusammen. Sie hatten ein gemeinsames, verbindendes Element, das über geografische Verknüpfungen hinausgeht. Tief in jedem Charakter, und damit auch in den Geschichten auf den acht Welten, werden sie alle durch den besonderen Wert von Erinnerungen zusammengehalten. Konflikte entstehen durch die Verwendung oder den Missbrauch von Erinnerungen.
 
Dabei will ich festhalten, dass dieses Vorgehen nicht ausgewöhnlich ist. Viele andere Autoren stellen Geschichten in einen größeren Kontext, siehe zum Beispiel Asimov mit seinen Geschichten aus unterschiedlichen Jahrtausenden. Zu Beginn hat er sicher nicht bewusst geplant, dass alles in einem großen Universum spielt, aber im weiteren Verlauf hat er verbindende Erzählungen geschaffen.
 
Auf jeden Fall hat es mir sehr viel Spaß gemacht, meine eigenen Geschichten auch in einem Universum anzusiedeln. Beide Romane sind jetzt Teil einer Legende, die mit den zwei Romanen ganz sicher noch nicht zu Ende erzählt ist. Mein Ziel bleibt dabei, dass ich die Geschichten, seien es jetzt Romane oder Kurzgeschichten, eigenständig lassen werden, sodass man mit jedem Fragment anfangen kann, aber wenn es dem Leser gefällt, kann man sich einer anderen Welt oder einem anderen Aspekt des Weltenkreises widmen.
 
Ich hoffe, dass ich mit diesem Vorgehen vielen Lesern Freude machen kann. Mir selber macht es jedenfalls sehr viel Spaß, in eine bekannte Welt abzutauchen, aber sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
 
Deshalb, seid eingefallen in den Weltenkreis!

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